So lebt es sich in der Moderne

Der Salon ist etwas zugig, die Farbigkeit überraschend, aber im Übrigen ist unser Haus bequem und herrschaftlich.

Die Haustür ist rot wie der Eingang der Bauhaus-Schule in Dessau. Rot sind auch die Fensterrahmen außen, und geradezu psychedelisch rot sind die Decken in zwei Zimmern. Der Hamburger Architekt Karl Schneider entstammte nicht der Dessauer Schule, er hatte bei Walter Gropius und Peter Behrens in Berlin gelernt, aber die Villa, die er 1928 baute, teilt die Farbfreude mit den Musterhäusern des Bauhauses. Es gibt ein sattes Gelb im Salon, ein tiefes Blau im Damenzimmer, ein merkwürdiges, zwischen Braun und Violett irisierendes Aubergine in einem Kinderzimmer des ersten Stocks. Als wir uns entschlossen, das ursprüngliche Kolorit wiederherzustellen, und unter Schichten von Raufasertapeten nach Spuren der alten Farben suchten, zeigte sich: Es gab sie nicht auf der RAL-Palette, nicht einmal im erweiterten, viele Hundert Töne umfassenden Katalog. Es gab sie aber auf der Palette eines Herstellers von Mineralfarben, die Palette hieß „Avantgarde“ – und war seinerzeit unter diesem Namen von Bruno Taut in den zwanziger Jahren konzipiert worden.

So gerieten wir nicht nur in die Architekturmoderne der Zeit, sondern auch in ihre Wunschfarbenwelt. Zu dieser gehören Lackflächen an Türen, Innenfenstern und Einbauschränken, die im Ton knapp neben der Wandfarbe liegen: ein Türkisblau neben dem Kobaltblau, ein Schlammbraun neben dem Aubergine. Der Effekt, nicht unähnlich einer verminderten Sekunde in der Musik, ist eleganter als befürchtet, jedenfalls nicht so kindergartenfröhlich wie das Rot an den Außenfenstern. Dieses ist aber ebenfalls auf die Wirkung der kleinen Differenz berechnet – denn das Mauerwerk ist aus rot-violetten Ziegeln, zu denen die Konvention im Allgemeinen nach weißen Fenstern rufen würde. Die Verweigerung des gewohnten Kontrastes gehört zur auffälligsten Seltsamkeit des Hauses.

Weiterlesen unter:

http://www.zeit.de/2016/53/architektur-bauhaus-villa-hamburg-karl-schneider

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